Automotive

AVAS:
Sound Design für Elektrofahrzeuge nach UN ECE R138

Von Rahim Erbil 9. Juli 2026 6 Min. Lesezeit

Elektrofahrzeuge sind zu leise, das war das Problem. Die Lösung ist ein vorgeschriebenes Geräusch. Was in der Regulierung als Sicherheitsauflage steht, ist gleichzeitig die größte ungenutzte Markenchance im Automobilbau: der erste Klang, den ein Mensch von Ihrem Auto hört, bevor er es sieht.

Die Kurzfassung

AVAS ist seit Jahren Pflicht, nicht Zukunft. Die Regulierung schreibt physikalische Grenzen vor, keine musikalischen. Innerhalb von 56 bis 75 dB(A), 0 bis 20 km/h und einem definierten Frequenzanstieg ist der Gestaltungsraum groß, und die meisten Hersteller nutzen ihn nicht.

0–20
km/h, in denen AVAS klingen muss
56–75
dB(A) Schallpegelfenster nach UN ECE R138
0,8 %
Mindest-Frequenzanstieg pro km/h

1. Was das Gesetz konkret verlangt

AVAS steht für Acoustic Vehicle Alerting System. In der EU regelt UN ECE R138 die Anforderungen. Pflicht ist es seit dem 1. Juli 2019 für neu typgenehmigte Fahrzeuge und seit dem 1. Juli 2021 für alle Neuzulassungen von Elektro- und Hybridfahrzeugen.

AnforderungVorgabeZweck
Geschwindigkeitsbereich0 bis etwa 20 km/hDarüber übernimmt Reifen- und Windgeräusch
Mindestpegel56 dB(A)Hörbarkeit im Stadtlärm
Maximalpegel75 dB(A)Schutz vor Lärmbelastung
Frequenzverschiebungmehr als 0,8 % pro km/hBeschleunigung muss hörbar sein
Fahrtrichtungvorwärts und rückwärtsRückwärtsfahren ist der kritischste Fall

Die Frequenzverschiebung ist die interessanteste Anforderung, weil sie eine Wahrnehmungsfrage regelt und keine Lautstärke. Ein Fußgänger muss am Klang hören, ob das Fahrzeug beschleunigt oder abbremst. Genau das leistet ein konstanter Ton nicht, und deshalb steht die Kopplung von Tonhöhe an Geschwindigkeit ausdrücklich in der Regel.

2. Warum Compliance der einfache Teil ist

Die Grenzwerte einzuhalten, ist ein messtechnisches Problem und damit lösbar. Es gibt Module am Markt, die genau das tun, und wer nur Homologation braucht, kauft eines und ist fertig.

Das Ergebnis kennen Sie. Ein synthetischer Ton, der irgendwo zwischen Raumschiff und Haushaltsgerät liegt, den niemand je entschieden hat und der bei jedem Anfahren einen Satz über Ihre Marke sagt, den Sie nicht formuliert haben. Bei einem Fahrzeug, dessen Innenraum monatelang auf Materialanmutung optimiert wurde, ist das ein bemerkenswerter Bruch.

Der Punkt, den wir OEMs immer wieder machen: AVAS ist der einzige Klang Ihres Fahrzeugs, den Menschen von außen hören, bevor sie es kaufen. Der Motorklang war jahrzehntelang ein zentrales Markensignal. Bei Elektrofahrzeugen ist AVAS der Nachfolger dieser Rolle, und in vielen Projekten wird er als Bauteil behandelt statt als Markenelement.

3. Der Markenklang im Pflichtgeräusch

Innerhalb der Grenzwerte bleiben eine Menge Entscheidungen offen, und jede davon ist eine Markenaussage.

  • Klangfarbe. Harmonisch oder geräuschhaft, warm oder metallisch. Eine Luxusmarke braucht hier eine andere Antwort als ein Nutzfahrzeug.
  • Charakter der Frequenzkurve. Die Kopplung an die Geschwindigkeit muss vorhanden sein, ihre Form nicht linear. Ein leicht progressiver Verlauf wirkt souverän, ein steiler wirkt nervös.
  • Verhalten im Stand. Der Moment, in dem das Fahrzeug bereit ist, sich aber nicht bewegt, ist gestalterisch der interessanteste und wird oft leer gelassen.
  • Rückwärts. Muss unterscheidbar sein, ohne wie ein Warnsignal von Baumaschinen zu klingen. Hier trennt sich Handwerk von Modul.
  • Verhältnis zum Innenraumklang. Wenn außen und innen aus zwei verschiedenen Welten kommen, merkt der Fahrer es, ohne es benennen zu können.

Die Disziplin liegt darin, nicht auffällig zu werden. Ein AVAS-Sound, der als Design wahrgenommen wird, ist gescheitert. Er soll funktional selbstverständlich klingen und trotzdem zuordenbar sein. Das ist dieselbe Aufgabe wie bei einem guten Sound Logo, nur mit einer Sicherheitsanforderung obendrauf.

AVAS-Entwicklung mit Markenanspruch

Wir entwickeln AVAS-Klänge innerhalb der Grenzwerte von UN ECE R138 und FMVSS 141, abgestimmt auf Ihre akustische Markenidentität. Erfahrung aus Automotive-Projekten unter anderem für Porsche.

AVAS-Projekt anfragen →

4. Wie ein AVAS-Sound entsteht

  1. Markenbriefing und Klangrichtung. Welche Attribute soll das Fahrzeug akustisch behaupten? Drei bis fünf Richtungen als hörbare Skizzen, nicht als Adjektivliste.
  2. Parametrisches Design. Der Klang wird nicht als Audiodatei gebaut, sondern als System aus Parametern, die auf Geschwindigkeit reagieren. Das ist der wesentliche Unterschied zu klassischem Sound Design.
  3. Implementierung im Steuergerät. Begrenzte Rechenleistung, begrenzter Speicher, definierte Schnittstellen. Hier scheitern kreative Entwürfe, die im Studio funktioniert haben.
  4. Fahrzeugvalidierung. Wie klingt es real, mit diesem Lautsprecher, an dieser Position, an diesem Fahrzeug? Regelmäßig anders als erwartet.
  5. Messkampagne und Homologation. Nachweis der Grenzwerte unter definierten Bedingungen.
  6. Feinabstimmung. Der Teil, der über gut und sehr gut entscheidet, und der Teil, für den am Ende oft keine Zeit mehr ist.

Der wichtigste Satz zu diesem Prozess: Schritt zwei entscheidet über alles Folgende. Ein Klang, der als parametrisches System gedacht ist, lässt sich abstimmen. Ein Klang, der als fertige Datei geliefert wird, lässt sich nur ersetzen.

5. R138 gegen FMVSS 141

Wer international ausliefert, braucht beides. Die Anforderungen sind verwandt, aber nicht identisch, und der Unterschied liegt in den Details der Messverfahren und Bandanforderungen.

Praktisch bedeutet das: Ein Klangkonzept, das nur gegen eine der beiden Regelungen entwickelt wurde, kann in der anderen durchfallen oder muss so weit angepasst werden, dass die Markenwirkung leidet. Der effiziente Weg ist, beide Regelwerke von Anfang an als Randbedingung im parametrischen Design zu führen, statt später eine Exportvariante zu basteln.

Das ist unspektakulär, spart aber eine komplette Iterationsrunde, und Iterationsrunden sind in OEM-Projekten die eigentliche Währung.

6. Zeitplan im OEM-Projekt

Realistische Orientierung von der Klangrichtung bis zum homologationsfähigen Stand:

PhaseDauer
Klangrichtung und Auswahl4 bis 8 Wochen
Parametrisches Design4 bis 10 Wochen
Implementierung und Integration6 bis 16 Wochen
Validierung und Messkampagne4 bis 12 Wochen

Der häufigste Planungsfehler ist, AVAS zu spät zu starten. Wenn das Thema erst aufkommt, wenn die Homologation ansteht, bleibt nur der Griff zum Standardmodul, weil die Zeit für Gestaltung fehlt. Der Klang wird dann von einem Terminplan entschieden und nicht von Ihrer Marke.

Wer AVAS früh im Fahrzeugprojekt verankert, hat am Ende dieselben Kosten und ein Ergebnis, das zum Rest des Fahrzeugs passt. Das ist die ganze Botschaft dieses Artikels.

Mensch + Maschine

Recherche, Quellenauswahl und redaktionelle Verantwortung: Rahim Erbil. Beim Entwurf und bei der Recherche haben wir KI eingesetzt. Jeder Satz wurde von Hand geprüft, bevor er hier steht. Made with Herzblut and AI.

Weiterführende Artikel:

Rahim Erbil, Founder & Creative Director
Ihr Ansprechpartner

In jeder Zeile derselbe Name.

Konzept, Komposition, Sound Design, Mix, Master: Bei Campera Media läuft Ihr Projekt durch ein Paar Hände, vom ersten Briefing bis zur letzten Fade-Out-Sekunde.

Rahim kennenlernen →
FAQ

Häufige Fragen zu
AVAS.

In der EU gilt die Anforderung nach UN ECE R138 seit dem 1. Juli 2019 für neu typgenehmigte Fahrzeuge und seit dem 1. Juli 2021 für alle Neuzulassungen von Elektro- und Hybridfahrzeugen. Es ist also kein kommendes Thema, sondern seit Jahren Serienrealität.

Der Schallpegel liegt bei mindestens 56 dB(A) und darf 75 dB(A) nicht überschreiten. Der Klang muss im Geschwindigkeitsbereich von 0 bis etwa 20 km/h erzeugt werden, vorwärts wie rückwärts. Zusätzlich muss die Frequenz mit der Geschwindigkeit steigen, um mehr als 0,8 Prozent pro km/h, damit Beschleunigung hörbar wird.

Ja, und genau darin liegt die eigentliche Chance. Die Regulierung definiert physikalische Randbedingungen, nicht musikalische. Innerhalb dieser Grenzen ist enormer Gestaltungsraum, und der wird von vielen Herstellern noch mit Standardmodulen verschenkt.

Rechnen Sie mit drei bis neun Monaten von der Klangrichtung bis zum homologationsfähigen Stand, abhängig von Abstimmungsschleifen und Messkampagnen. Der kreative Teil ist dabei der kürzere, die Validierung im Fahrzeug und die Messungen brauchen die Zeit.

Jetzt Projekt starten

Bereit für Sound,
der wirkt?

Erzählen Sie uns von Ihrem Projekt, unverbindlich und kostenfrei. Wir melden uns innerhalb von 24 Stunden mit konkreten Ideen für Ihre Audio-Identität.